English

Interview mit VISION

Das legendäre Interview mit Frank, hier für diejenigen, die es noch nicht aus VISION kennen.

Interviewer: Markus Wöllenweber, Sabine Rausch
 

Markus:
Was sagen die Leute in Arizona zu deinem rheinischen Akzent?

Frank:
Ich spreche mittlerweile ein so gutes Amerikanisch, dass ich mir für meinen Gesang wieder mühselig einen deutschen Akzent antrainieren musste.

Markus:
Warum?

Frank:
Wir wollen unsere Herkunft nicht verleugnen.

Markus:
Aber Rob ist Belgier und nach meinen Recherchen war er nie im Rheinland.

Frank:
Das stimmt. Und Billy ist sozusagen amerikanischer Ureinwohner. Mir war der rheinische Akzent einfach sehr wichtig.

Markus:
Warum singst du überhaupt? Dein Gesang ist doch - mit Verlaub - ziemlich besch...eiden?

Frank:
Hast du Rob schon mal singen gehört?

Markus:
Nein, niemand hat Rob jemals singen gehört.

Frank:
Na also.

Markus:
Und was ist mit Billy?

Frank:
Billy wird ganz behutsam von uns aufgebaut. Wir wollen ihn nicht verheizen. Er soll mal ein richtiger Gitarren-Held werden. Vom Gesang halten wir ihn fern, da würde er zu schnell abheben und hätte nur noch Groupies am Hals.

Markus:
Wie sieht es bei dir aus mit Groupies?

Frank:
Leider Fehlanzeige.

Markus:
Obwohl du der Sänger bist?

Frank:
Obwohl ich der Sänger bin.

(drei Minuten Schweigen)

Markus:
Bist du wirklich damals mit der Kuhpisse umhergezogen oder ist das ein PR-Gag?

Frank:
Ich wurde richtig sentimental, als ich Rustys Flaschen in der Hand hatte. Die waren immerhin mehr als 100 Jahre alt. Ich bin damit losgezogen, weil ich den Geist aufspüren wollte, den Rusty im Westen hinterlassen hatte.

Markus:
Aber wer braucht 100 Jahre altes Haarwuchsmittel?

Frank:
Wer braucht 3 Tage altes Haarwuchsmittel?

Markus:
Wie war das mit den zwei bulgarischen Gewichtheberinnen? Die haben das Zeug doch nicht wirklich gesoffen.

Frank:
Doch! Auf einem Highway-Parkplatz Richtung Vegas sah ich, wie zwei schmächtige Mädels ständig ihren Kleinwagen vorne anhoben und wieder absenkten. Ich bin hin und wollte helfen, aber es gab nichts zu helfen, das war Training. Die waren so gierig nach dem Zeug, die haben mir spontan alle Pullen abgekauft. 

Markus:
Ich weiß, du sprichst nicht gerne drüber, aber wie war das damals in Rotterdam? Dein letzter Kampf im Käfig

Frank:
Ja, mein letzter großer Kampf. Freefight war kein Problem für mich, ich war gut vorbereitet, es gab in Arizona einige verdammt harte Knochen, die mir alles abverlangten. Aber ich hatte bis dahin nie gegen einen von diesen brasilianischen Ghettofightern gekämpft. Die sehen gar nicht so gefährlich aus, aber gegen die hast du kaum eine Chance. Da nützt dir nichts, wenn du nur brutal und skrupellos bist. Die haben zusätzlich noch diese heilige Wut in sich. Von Kindheit an aufgestaut. Wenn du als Kind zu brav warst, so wie ich, dann kriegst du das nie mehr aus dir raus. Nie mehr!

Markus:
Und dann die Zeit bei Lueder´s Boxbude.

Frank:
Im nachhinein gesehen die schönste Zeit meines Lebens, auch wenn es ein harter Job war, jeden Tag vertragsgemäß k.o. zu gehen. Aber in der Kirmestruppe waren alle schwer in Ordnung, wir haben viel Spaß gehabt damals.

Markus:
Wenn nicht die Sache mit der näselnden Sonya gewesen wäre.

Frank:
Das war viel später. Nachdem es bei Lueder´s nicht mehr ging, ich war einfach zu alt geworden für den Job, das muss man klar sagen, also danach war ich ja noch ein paar Jahre bei Oscar am Kinderkarussel. Ich musste vor Fahrtbeginn die Chips von den Kindern einsammeln und an der Kasse abgeben. Das hört sich nach anspruchslosem Job an, aber mach das mal 8 bis 10 Stunden, fast ohne Pausen.

Markus:
Aber du....

Frank:
Nein, mach das mal! Mach das mal 10 Stunden ohne Pause.

Markus:
Ich hatte mal...

Frank:
Fast ohne Pause! Nicht immer nur: hier, äh, ich bin bei der Zeitung und so, ich sitz auch den ganzen Tag und arbeite, sammel doch mal Chips ein! Dann wirst du sehen. 12 Stunden, immer in eine Richtung!

Markus:
Unter dem Karussel hatte man Haare der näselnden Sonya gefunden.

Frank:
Immer in eine Richtung!

Markus:
Du willst nicht über die Sache mit der näselnden Sonya sprechen?

Frank:
Unter Oskars Karussel hatte man sogar ihr Mikrofon gefunden. Aber mir konnte man damals nichts nachweisen.

Markus:
Musstest du nicht zur Speichelprobe?

Frank:
Speichelprobe, Fingerabdrücke, DNA-Tests, Gegenüberstellungen, Hausdurchsuchungen, Zeugenaussagen, alles negativ. Also was soll´s?

Markus:
Es gibt Fotos von dir, genau aus dieser Zeit, wo du erhebliche Kratzspuren im Gesicht hast.

Frank:
Die wurden nicht untersucht, die waren von einer Katze.

Markus:
Du hattest erstaunlich viel Kontakt mit den Strafverfolgungsbehörden.

Frank:
Konnte ich doch nichts für. 

Markus:
Das merkwürdige war, dass man dich als Geldwäscher geschnappt hatte, aber es reichte nicht für eine Verurteilung.

Frank:
Geldwäscher, was soll das denn sein?

Markus:
Ich mein´, es ist lange her...

Frank:
Genau.

Markus:
Der Job bei Lueder´s war Tarnung, stimmt´s. Hast die arme Sau gespielt und in Wirklichkeit hast du Blüten unters Volk gebracht.

Frank:
Wie redest du mit mir, du Kasper, warum sollte ich irgendwas unters Volk bringen. Wer behauptet sowas?

Markus:
Aber dass du in diese Falschgeldaffäre verwickelt warst, sauge ich mir doch nicht aus den Fingern. 

Frank:
Alles üble Nachrede. Außerdem Schnee von gestern.

Markus:
Auch im legendären Sulky-Skandal, man kann sagen, dem größten Wettskandal in der Pferdesportgeschichte, konnte man dir nie was nachweisen. Insgesamt wurden über 30 Fahrer bestochen bzw. erpresst, das jeweils aussichtsreichste Pferd nicht unter die ersten 3 zu bringen. Manni DiNapoli zum Beispiel hat dafür 16 Jahre gekriegt. Die anderen nicht ganz so viel, aber dich haben sie laufen lassen. Wie hast du das hingekriegt?

Frank:
Ich war nur Mannis Bodyguard. Ich wusste von nichts. 

Markus:
Ha! Ich lach mich kaputt. Die veröffentlichten Überwachungsvideos der Rennbahn zeigen hauptsächlich einen Mann am Wettschalter, nämlich dich. 

Frank:
Für so was musst du gut rechnen können, dazu war ich gar nicht in der Lage. Haben die mir auch bescheinigt: rechnungsunfähig. 

Markus:
Unzurechnungsfähig?

Frank:
Genau. Stimmt ja auch, frag doch die anderen, ich konnte noch nie rechnen, das ist die Wahrheit. Aber, äh Mann, was bist du für ein Arschloch. Macht mich hier an, ich wär ein Erpresser, dann ein Geldwäscher, hätte Falschgeld...

Markus:
...gewesen!

Frank:
Was gewesen?

Markus:
Geldwäscher. Jetzt nicht mehr.

Frank:
...ich hätte Falschgeld gedruckt...

Markus:
Nicht gedruckt, aber in Umlauf gebracht.

Frank:
Ich hab´in meinem ganzen Leben noch nie was in Umlauf gebracht, das schwör ich dir.

Markus:
Schwör lieber nicht. Du hast 30 Porsche gekauft und bar bezahlt. Das steht fest.

Frank:
Ich habe für einen Freund ein paar Autos gekauft.

Markus:
30 Stück.

Frank:
32!

Markus:
Bei einem einzigen Händler. An einem einzigen Tag.

Frank:
Wenn dich ein Freund bittet, ihm Autos zu kaufen und er gibt dir das Geld dafür, würdest du das nicht für ihn tun?

Markus:
Doch Frank, ist gut, ich denke wir beenden an dieser Stelle das Interview.

Frank:
Dann hau doch ab, du Arschloch!

Markus:
32 Autos! Porsches!

Frank:
Na und! Es gibt Leute, die haben mehr als ein oder zwei Autos. Da verstehst du nichts von.

Markus:
Lass mich los, Frank!

Frank:
Du gehst mir auf den Senkel, nenn mich noch mal Geldwäscher, du Drecksack.

Markus:
Geldwäscher!

 
Der Verlag verurteilt das anschließende Vorgehen von Herrn Dust gegen unseren freien Mitarbeiter Markus Wöllenweber aufs Schärfste. Da es sich um ein schwebendes Verfahren handelt, möchten wir an dieser Stelle keine weitere Stellungnahme zu dem Fall abgeben.

Das Interview wurde einen Tag später von unserer Mitarbeiterin Sabine Rausch fortgeführt.

 

Sabine:
Ihr habt den Wüstensand von Arizona in den Stiefeln und lebt zeitweise in New York. Wie seid ihr eigentlich darauf gekommen, auch noch eure Zelte im Westerwald aufzuschlagen?

Frank:
Das hat viele Gründe. In Arizona ist es mir mittlerweile im Sommer zu heiß. Die Wüste macht mir doch mehr zu schaffen, als mir lieb ist. Und in New York sind uns die Studio-Mieten zu hoch geworden. Für einen einfachen Übungsraum in Queens zahlt du über fuffzehnhundert Dollar. Außerdem gibt es bekanntlich im Westerwald die beste Luft der Welt. Die bläst dir die Gehirnwindungen frei und 
du kannst besser denken. So kreativ wie dort war ich noch nie zuvor, schon gar nicht in New York. Wenn du da aus der U-Bahn-Station kommst, bemerkst du als erstes, dass draußen die Luft nicht besser ist als unten am Bahnsteig. Dann weißt du, dass es Zeit wird, in den Westerwald zu gehen.  

Sabine:
Nachdem ihr Jürgen getroffen hattet.

Frank:
Wir saßen gerade im Diner wo Becky Ramirez bedient, du weißt, die Tochter von Francine DePalma, mit der ich meine erste Band hatte. Da kam Jürgen rein, war mit einem riesigen Wohnmobil durchs Death Valley unterwegs und setzte sich neben mich. Wir kamen ins Gespräch und so ergab eins das andere. Letztendlich hat er uns dann das Studio bei sich in der Nähe im Westerwald besorgt. 

Sabine:
Lass uns auf eure Musik zu sprechen kommen. Ihr nennt das Junkrock, also nichts für Leute mit gutem Geschmack.

Frank:
Junkrock ist wie Junkfood. Es ist nicht gesund, aber es macht Spaß. Das reicht um glücklich zu sein. Drogen und gesunde Scheiße jeglicher Art lehnen wir ab.

Sabine:
Wo würdest du eure Musik stilistisch einordnen?

Frank:
Zunächst mal, Junkrock ist keine Stilrichtung, Junkrock ist eine Einstellung. Musikalisch kannst du machen, was du willst, hauptsache du planst nicht den technischen Overkill. Ja, und stilistsisch, wo stehen wir da? Sam Shepard, du weißt, der Sam Shepard, der schon The Wispering Tools und die Sideboard-Brüder produziert hat, hat mal zu mir gesagt, als ich ihm "Don´t give me your number" vorgespielt hatte, "Junge, hör auf mit sowas, das ist einfach nur Mist." Das war natürlich für mich der richtige Ansporn weiter zu machen. Aber im Ernst, wir waren damals große Fans von The Outstanding Ovations, auch von The Blockflocks wirst du möglichweise Einflüsse entdecken. Und natürlich Linda und ihre Mädels, die Flaming Pitchers und vor allem die Ritchfield Brüder.

Sabine:
Ich würde sagen, ihr nährt eure Musik mit Stilsprenklern wie experimentellem Krautrock á la Sentimental Spreaders oder Postindie-Gedudel in der Nähe der Long White Shadows oder Never Alive Again. Und wenn da nicht auch psychedelisch angehauchter Neo-Folk drin ist, siehe Pretty Pathfinders, Mike Overstoltz oder Riddle The Commerce.

Frank:
Kann gut sein. Phil Spreader ist ein guter Freund von Danny Morganroth, dem Ex-Drummer von Van der Croos, der jetzt bei Nessie Cartwright trommelt. Danny legt gerne eine Scheibe von Phil ein, wenn wir zum Baseball fahren.

Sabine:
Du warst mal als Nachfolger von Freddy im Gespräch, warum ist daraus nichts geworden?

Frank:
Brian rief mich an und sagte, sie wollten wieder loslegen und bräuchten für die Tour einen neuen Frontmann. Brian meinte, ich bräuchte nur ja zu sagen und die Sache wäre perfekt.

Sabine:
Warum hast du abgelehnt?

Frank:
Ich hatte nicht abgelehnt, mein Akku war plötzlich leer und mein Ladegerät hatte ich verliehen. Als ich es nach 3 Wochen wiederbekam und ich dann Brian sofort zurückrief, hatte der sich schon für Paul entschieden.

Sabine:
Schade oder?

Frank:
Das sehe ich nicht so, wer weiß wofür es gut war.

Sabine:
Das sehe ich genauso.
Nochmal zu eurer Musik. Die "offizielle" Musikwelt, also Radio und Fernsehen, nimmt euch nicht so richtig ernst, obwohl ihr eine riesen Fangemeinde habt. Was ist da los?

Frank:
Wir sind eine Undergroundband. Der kommerzielle Scheißdreck geht uns am Arsch vorbei. Wir machen unser Ding und ziehen das durch. 

Sabine:
Ihr habt eine ungewöhnlich große Crew mit allen möglichen und unmöglichen Posten.

Frank:
Wenn du dich voll auf deine Musik konzentrieren willst, brauchst du Leute, die dir den Rücken frei halten. Die kriegen nicht alle Geld dafür, die meisten sind Freejobber. Nur die wichtigen Leute werden bezahlt, Security, Catering und so.

Sabine:
Einige eurer Texte hören sich doch stark nach Verarsche an. Nehmt ihr euch eigentlich selber ernst?

Frank:
Nein.

Sabine:
Jetzt mal ehrlich. Ist das Comedy, was ihr da macht oder ist das eine ernste Sache?

Frank:
Wo ist der Unterschied? Kriegst du den Tag noch rum in dieser Welt ohne Humor?

Sabine:
Aber euer Motto, don´t stop losing hope, hör nicht auf, die Hoffnung zu verlieren, das ist doch nicht ernst gemeint?

Frank:
Es kann doch nicht sein, dass dieser tägliche Gut-drauf-sein-Wettbewerb immer weiter geht. 

Sabine:
Aber die Hoffnung zu verlieren, das ist doch existenzieller, sowas kann man doch nicht allen Ernstes rausposaunen. Man sagt doch auch: die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Frank:
Wer sagt das?

Sabine:
Wie, wer sagt das?
Wenn du keine Hoffnung mehr hast, kannst du doch gleich einpacken.

Frank:
Wenn ich morgens aufstehe und mitbekomme, was auf diesem Planeten alles abgeht, Kriege, Morde, Luftverpestung, Regenwald-Abholzung und so weiter und so weiter, dann habe ich ehrlich gesagt nicht die Hoffnung, dass das irgendwann aufhört. Und deshalb lass ich mir von niemandem aufschwatzen, ich soll gefälligst hoffen, dass sich großartig was verbessert. Ob ich was hoffe oder nicht ist allein mein Problem, verstehst du? Ich lasse mir von niemandem sagen, von niemandem, verstehst du, von niemandem,..

Sabine:
Ist ja gut, Frank.

Frank:
...von niemandem lass ich mir sagen, was ich zu hoffen habe oder ob ich zu hoffen habe oder...oder...

Sabine:
Wechseln wir das Thema.

Frank:
Nicht unsere Aufnahmetechnik.

Sabine:
Doch! Ich weiß nicht, ob ich das spektakulär oder dilettantisch finden soll.

Frank:
Das mein ich ja, ihr kapiert gar nichts. Diese glattgebügelte Scheiße interessiert uns nicht mehr. Wir waren ein halbes Jahr bei Phil Perkins in L.A.
In dem seinem Studio findest du mehr Kabel als auf einem Flugzeugträger. Da steht mehr digitale Technik als im Hauptquartier von Microsoft. Rob und ich haben uns angeguckt und wir wussten: den Scheißdreck machen wir nicht mehr mit. Als wir 3 Wochen später auf einem Flohmarkt ein altes analoges 8-Spur-Gerät sahen, haben wir uns wieder angeguckt und wussten sofort: das ist es.

Sabine:
Aber das ist technische Steinzeit. Damit arbeitet kein Mensch mehr.

Frank:
Klar kommen auch wir nicht ohne digitale Unterstützung aus, das ist ja auch nichts Schlimmes, aber unser Motto ist: du musst auch mal 4 gerade sein lassen. 

Sabine:
Verstehe.

Frank:
Spät aufstehen und dann mal sehen.

Sabine:
Was?

Frank:
Ob du Bock hast was aufzunehmen. Wenn nicht, macht nix. Morgen ist auch noch ein Tag. Das kann aber auch schon mal Wochen dauern.

Sabine:
Das hört sich nicht gerade professionell an.

Frank:
Na und! Irgendwann stehts du morgens auf und hast Bock was einzuspielen, dann fängst du ganz langsam an und am Abend bist du fertig. Dann hast du noch Zeit für ´nen guten Film oder ein Fußballspiel im Fernsehen.

Sabine:
Das ist Junkrock.

Frank:
Das ist Junkrock.

 

Bild 1:
VISION-Titelseite

Bild 2:
Das Tonstudio von Will Shandler in einem Kirchturmzimmer in Vermont. Experten behaupten, in runden Räumen wäre die Akustik besonders gut.

 

that's Junkrock